Die guten und die schlechten Tage

am Jan 12 2012 in Artikel, Elternplanet Magazin von Kathrin Buholzer | 5 Kommentare

Hach. Es gibt so Tage da bin ich ungeheuer fleissig. Da stell ich den vollen Müllsack gleich wenn er voll ist vor die Türe, ich erledige alle meine Hausarbeiten tip top, klettere an solchen Tagen sogar aufs Hochbett meiner Mädels und zieh in schweisstreibender Arbeit die Betten neu an. Ich geh voller Elan einkaufen, sogar mit Einkaufsplan und Zettel, (zugegeben: eher selten), ich nehme die Wäsche sofort nach dem Schleudergang aus der Maschine und lass sie nicht wie sonst oft drei Tage drin. Ich sauge den Boden, beantworte fleissig alle meine Mails und Forumsfragen und zur Krönung bring ich mal rechtzeitig die Bibliotheksbücher zurück. Ja, das sind diese Tage, da kann man mir nix anhaben, da geht alles leicht von der Hand. Mein Haushalt glänzt und ich könnte ohne Probleme den Chefredaktor von “Schöner Wohnen” zum Kaffee einladen. Gut, das war jetzt etwas übertrieben. Ihr wisst was ich meine. Es ist einfach so ein guter, bodenständiger Haushaltstag.
Aber: Es gibt auch die “Ich-mag-über-haupt-grad-gar-nix-tun-ausser-faulenzen-und-lasst-mich-einfach-alle-in-Ruh” Tage. Da stell ich meinen Wäschekorb unauffällig wieder in den Keller, bediene mich an den tiefgefrorenen Schinkengipfel aus der MIGROS, geh nicht mal den Briefkasten leeren, weil ich 3 Grad zu kalt finde um raus zu gehen und ans Telefon geh ich sowieso nicht, ausser es ist meine Mutti oder mein Mann. Und wisst ihr was? Ich habe überhaupt kein schlechtes Gewissen dabei. Sollen doch da am Boden mal ein paar Krümel rumliegen, oder die Wäsche ein paar Tage, (ok, manchmal auch Wochen) im Wäschekorb rumliegen, hat es halt auf dem Badezimmerspiegelschrank für ein paar Stunden ein paar Zahnpastaflecken und steht der Altpapiersack mit den Zeitungen in der Wohnung herum. Was solls?

Früher, ja  wollte ich immer so ein bisschen Miss Perfekt sein. Die Kinder, toll angezogen, hübsch, freundlich, der Haushalt perfekt, blitzeblank aufgeräumt und dafür immer mal wieder die Heilige Mittagspause geopfert. (Ja, ich schäme mich dafür). Ich dafür, am Anschlag: Mit meinem Aussehen und den Nerven. Statt Wimperntusche, Concealer und Lidschatten reichte es nur für staubsaugen, sechs Mal am Tag aufräumen und drei Mal den Chromstahl polieren. Ne, ne. Das mach ich nicht mehr. Nicht dass ihr jetzt denkt, hier sähe es wirklich aus wie bei Frauentausch. *wermeineVideosgucktderweissdasshiereinigermassenOrdnungherrscht
Aber ich bin weniger pingelig (sagt man pingelig?) als früher, lasse auch mal was stehen und setzt mich stattdessen einen Moment an die Sonne oder mach einen Mittagsschlaf. Ja, ihr habt richtig gehört: Dieses “Ich-leg-mich-eine-halbe-Stunde-aufs-Sofa-Ding.” Warum denn auch nicht? Und ja, nach Jahren der Abstinenz geh ich auch wieder zur Kosmetikerin und stundenlang zum Friseur. Einfach herrlich. Für mich geht das nicht: Kinder, arbeiten UND einen perfekten, damit mein ich jetzt: kein-Stäubchen-liegt-am-Boden-alles-blitzblank-poliert-und-aufgeräumt-wie-in-der-Wohnzeitschrift-Haushalt führen. Da komm ICH zu kurz, da bin ich unzufrieden und hässig.

Das “ein bisschen weniger perfekt sein” musste ich aber zuerst lernen. Ganz speziell als Neulings-Mama hat man einen sehr hohen Anspruch, an sich. Kommt zum Beispiel Besuch möchte man dem ja nicht den Saustall im Wohnzimmer zumuten. Und bei kleinen Kindern hat man nicht selten das halbe Kinderzimmer, inkl. Rutschautos, Legos und Stofftiersammlung im Wohnbereich aufgebahrt. Also über den Mittag zuerst eine halbe Stunde aufräumen, die Wohnung einigermassen besucherfreundlich machen. Und trotzdem hat man dann irgendwie so ein schlechtes Gewissen, weil man möchte sich ja als Bilderbuch-Mama mit Bilderbuch-Kind und Bilderbuch-Wohnung präsentieren. Und vergisst dabei, dass es der anderen Mama die zu Besuch kommt, genau gleich geht und sie vielleicht verdammt froh ist, dass sie nicht die Gastgeberin ist und die Wohnung nicht aufräumen musste.

 

Also: Ich plädiere hier für etwas weniger Perfektionismus, für etwas weniger hohe Erwartungen an sich selber und wenn immer wieder mal möglich: RELAX.

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